Vortrag „Wurzach im 19. Jahrhundert“ war der Hit




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Bad Wurzach – Die Vorträge von Stadtarchivar Michael Tassilo Wild haben inzwischen Kultstatus erlangt. So war es kein Wunder, dass auch bei seinem aktuellen Vortrag „Wurzach im 19. Jahrhundert“ im Sitzungssaal von Maria Rosengarten wieder die Stühle knapp wurden.

Martin Tapper (Bild), Organisator des Vortrages seitens der Stadtverwaltung, zeigte sich in seiner Begrüßung überwältigt über das erneut riesige Interesse an der Geschichte von Bad Wurzach. Rund 100 Besucher aus der Großgemeinde waren gespannt, was der Stadtarchivar ihnen in seiner humorvollen Art über die Zeit, als die Stadt schlicht Wurzach hieß, erzählen konnte, wie es sich dort im 19. Jahrhundert leben ließ.
Wild erläuterte zu Beginn, dass die Quellenlage – wie meist vor 1945 – schwierig gewesen sei. Aufgrund der großen Zahl von Teilorten habe er diese ausgespart. Er verwies darauf, dass die dortigen Archive zum großen Teil sogar weiter zurückreichen würden.
Die Stadt war nach der Neuordnung des deutschen Südwestens durch Napoleon Bonaparte 1806 zum Oberamt Waldsee innerhalb des Königreichs Württemberg gekommen und später dem Oberamt Leutkirch zugeschlagen worden.

Napoleon veränderte die deutsche Landkarte tiefgreifend.
Durch die Verschiebung der französischen Ostgrenze bis an den Rhein verloren deutsche Herrschaften linksrheinisches Territorium und erhielten dafür Entschädigungen. Das Königreich Bayern war ein Nutznießer der napoleonischen Veränderungen (und Bundesgenosse des Kaisers der Franzosen) und baute sein Territorium über Vorarlberg bis nach Tirol aus. Die Waldburger Herrschaft Wurzach und viele weitere Territorien in Oberschwaben wurden dagegen zur Entschädigungsmasse für das neu entstandene Königreich Württemberg (auch das auf Seiten Napoleons stehend). Dass die evangelischen Unterländer nun im katholischen Oberland, das zuvor nach Österreich hin ausgerichtet war, das Sagen hatten, war für die Menschen in der Region Oberschwaben zu einem regelrechten Kulturschock geworden. Denn die Württemberger aus Stuttgart waren dem Landvolk hier völlig fremd, hatten nichts gemeinsam, ja sie verstanden kaum deren Sprache. Die Verwaltungsleute, die hierher versandt wurden, waren nicht nur Protestanten, sondern sogar noch deren Steigerung: es waren pietistische Protestanten.

Ein Bild von Johann Baptist Pflug, das Wild präsentierte, zeigte die großen Unterschiede zwischen Altwürttembergern und Neuwürttembergern auf: Während der Altwürttemberger, also der Unterländer, ein verkniffenes, spindeldürres Männchen war, zeigt der Oberschwabe, was er hat: Einen zur Korpulenz neigenden Körper, viel Selbstbewusstsein und diverse Statussymbole.
In einer der Oberamtsbeschreibungen wird berichtet, dass hierzulande eine Bauersfrau besser gekleidet sei als die Frau des Oberamtsmannes (entspricht heute dem Landrat). Der Kleiderluxus habe im Wurzachischen, in der Gegend von Hauerz und Treherz besonders vorgeherrscht und dabei zum Teil völlig konträr zu den eigentlichen Vermögensumständen der Leute gestanden.
Eine der Hauptquellen für Wild bildete für diesen Vortrag eben die Leutkircher Oberamtsbeschreibung (die Beschreibungen der Oberämter wurden im Auftrag Stuttgarts in den 1830er- und 1840er-Jahren mit wissenschaftlichem Anspruch verfasst; die Beschreibung des Oberamtes Leutkirch, zu dem Wurzach gehörte, stammt von dem renommierten Altphilologen August Friedrich von Pauly und kam 1843 heraus). „Die Bewohner gehören dem schwäbischen Volksstamme an und erhalten sich in ihrer Gleichartigkeit fortwährend“, so beginnt eine Beschreibung der „Ureinwohner“. Grund dafür: Es gibt weder Ein- noch Auswanderungen und auch das Einheiraten komme nur sehr selten vor. Weiter heißt es, dass die Menschen im Durchschnitt gesund und kräftig und wohlgenährt seien, wobei die Frauen sogar höhergewachsen seien als die Männer. Die Menschen, insbesondere die an Mooren lebenden, litten verstärkt an Katharen und Rheuma und hätten oft Verdauungsprobleme, bedingt durch viel und fettiges Essen. Hauptnahrungsmittel sei gesalzenes und geräuchertes Fleisch. „Schlecht gebackenes Roggenbrot, viel und schlechter Branntwein … tragen das Ihrige zu den genannten Übeln bei.“ Ein Problem für viele Kleinkinder war auch, dass sie früh Mehlbrei anstelle von Muttermilch bekamen, mit ein Grund für die hohe Kindersterblichkeit.
Als positive Eigenschaften der Oberschwaben führt die Oberamtsbeschreibung Religiosität, Gutmütigkeit und Arbeitsfleiß an. Die Wohlhabenden seien auch großzügig gegenüber Notleidenden. Die Menschen neigten dazu, Streitereien friedlich beizulegen. Ausnahmen davon seien standesherrliche Gemeinden wie Thannheim und Wurzach.
35.000 Soldaten versorgt
In Wurzach lebten im Jahre 1843 1098 Seelen, davon waren zwei protestantischen Glaubens. Viel anders dürfte die Einwohnerzahl zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht gewesen sein. Deswegen war es eine logistische Meisterleistung, dass diese rund 1000 Menschen in den beiden Jahren 1813 und 1814 rund 35.000 durchziehende österreichische Soldaten, 4000 davon im Lazarett beim Leprosenhaus liegend, ernähren konnten.

Zwischen 1813 und 1814 wurden während der Befreiungskriege in Wurzach insgesamt 35.301 österreichische Soldaten und 9724 Pferde verpflegt. Das Leprosenhaus wurde für insgesamt 4003 der verwundeten Soldaten der durchziehenden Armee zum Lazarett umfunktioniert, heißt es in der Internet-Enzyklopädie „wikipedia“. Leopold Fürst von Waldburg-Wurzach ließ 1861 ein Denkmal für jene 16 Soldaten errichten, die während des Aufenthalts am Leprosenhaus starben. Stadtarchivar Wild machte mit obiger Grafik das Missverhältnis zwischen der Wurzacher Einwohnerzahl und der durchziehenden Armee deutlich.
Der Stadt selbst waren flächenmäßig enge Grenzen gesetzt: Die wenigen Häuser gruppierten sich um Schloss und Rathaus und entlang der Markstraße und der heutigen Herrenstraße, die damals noch Herrengasse hieß.
Eine Haupteinnahmequelle für die Wurzacher war etwa um 1843 der Verkauf von Brenntorf. Moorflächen wurden trockengelegt und es wurden – in Handarbeit (!) – 1,5 Millionen Wasen pro Jahr gestochen, das meiste davon wurde verkauft. In der Landwirtschaft wurde vor allem Getreide angebaut.
Die Menschen in der Stadt hatten damals zweierlei Bürgerrechte, denn es gab, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten, zum Ende des 18. Jahrhunderts Neuansiedlungen von Menschen unter anderem aus der Schweiz. Diese erhielten ein eigenes Bürgerrecht, wodurch sie weniger Steuern zahlen mussten. Grundbesitz war jedoch den „Realbürgern“ vorbehalten.
In jenem Jahr 1843 verzeichnet die Oberamtschronik ein reges Handwerksaufkommen: So gab es 13 Schuhmacher in der Stadt, elf Krämerläden, die sicher auch mit von den Ortschaften in der Nähe profitierten. Ungewöhnlich war zu jener Zeit, dass es bereits zwei Uhrmacher in der Stadt gab. Michael Tassilo Wild vermutet, das eine Uhr in jener Zeit für die Bauern schon ein Statussymbol war, aber natürlich auch die Nähe zum Schloss mit dafürspricht. Die Weberei war in der Mitte des 19. Jahrhunderts praktisch tot, obwohl sie im Mittelalter ein bedeutender Wirtschaftszweig gewesen war.
Die Zugehörigkeit als Neu-Württemberger zum Königreich Württemberg brachte für die Bevölkerung auch Einschränkungen mit sich: „Im Grunde war alles verboten, was Spaß macht“, zielte Wild mit einem Seitenhieb auf die pietistische Ausrichtung der Beamtenschaft.
Nach der Gründung des Deutschen Reiches wuchs die Bevölkerung im Rest Deutschlands um durchschnittlich 50 %, nicht so jedoch in Wurzach. Ein Grund für fehlenden Zuzug war die nicht vorhandene Bahnlinie und die verspätet einsetzende Industrialisierung.

Stadtarchivar Wild vor einer Darstellung der Revolution von 1848 (vermutlich eine Szene in Berlin). Die letztlich in der Machtfrage als gescheitert geltende Revolution hatte doch Einiges bewirkt: So endete das Lehenswesen in der Landwirtschaft, die Höfe gingen in das Eigentum der Bauern über.
Als nach der 1848er-Revolution das Ständerecht des Adels abgeschafft wurde, verlor Wurzach auch die bisherige Gerichtsbarkeit ans Oberamt Leutkirch. Es dauerte es noch 23 Jahre, bis mit der Einführung des Wahlrechts im Deutschen Reich für die (männlichen) Bürger ein Stück Mitbestimmung geschaffen wurde.

Michael Tassilo Wild erntete an diesem Donnerstagabend für seinen Vortrag langanhaltenden Applaus und verwies danach auf weitere Vorträge, die in der Bürger- und Gästeinformation sowie der Tagespresse detaillierter angekündigt werden.
Text: Uli Gresser / rei
Fotos: Gresser
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