
Am 16. April kehrt ein Mythos der Kinogeschichte dorthin zurück, wo er hingehört: auf die große Leinwand. Quentin Tarantinos „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“ vereint erstmals regulär in den deutschen Kinos beide Kapitel zu jenem monumentalen Epos, das der Regisseur ursprünglich im Sinn hatte. Ein viereinhalbstündiges Fest für die Sinne und Genre-Kino pur.
Die Geschichte ist in ihrer archaischen Wucht bekannt und doch in dieser Form neu zu erleben: Eine ehemalige Auftragsmörderin, nur bekannt als „Die Braut“, erwacht nach vier Jahren aus dem Koma. Ihr Ziel ist so simpel wie absolut – die systematische Eliminierung der „Deadly Viper Assassination Squad“, jener Gruppe, die ihre Hochzeit in ein Blutbad verwandelte. An der Spitze der Liste steht ihr ehemaliger Mentor und Liebhaber Bill.
In der neuen Schnittfassung entfällt das trennende Element der zwei Volumina. Wo 2003 noch ein Cliffhanger die Zuschauer in die Ungewissheit entließ, entfaltet sich nun ein stetiger, rhythmisch perfekt austarierter Mahlstrom der Gewalt und Melancholie. Die Reise führt von den Vororten Pasadenas über die schneebedeckten Gärten Tokios bis in die staubige Einsamkeit Mexikos. Ohne die künstliche Zäsur wird deutlich, wie sehr Tarantino hier mit Kontrasten spielt: Dem hochenergetischen, fast comichaften ersten Akt folgt eine tiefenpsychologische, fast meditative zweite Hälfte, die nun organisch ineinandergreifen. Produktionstechnisch ist The Whole Bloody Affair mehr als nur ein simples „Stitching“. Besonders hervorzuheben ist die vollständige Farbrestaurierung der legendären Schlacht im „House of Blue Leaves“. Was früher aufgrund von Zensurauflagen in stilisiertem Schwarz-Weiß versank, erstrahlt nun in einem geradezu opernhaften Primärfarben-Exzess. Robert Richardson’s Kameraarbeit profitiert enorm von der analogen 70mm-Projektion, die in ausgewählten Kinos gezeigt wird; die Texturen der Hattori-Hanzo-Schwerter und die Körnigkeit der Wüstenszenen besitzen eine haptische Qualität, die im digitalen Zeitalter oft verloren geht.

Ein echtes Highlight für Cineasten ist die erweiterte Anime-Sequenz von Production I.G., die O-Ren Ishiis düstere Herkunft noch detaillierter und brutaler ausleuchtet. Auch die Montage von Sally Menke (der dieser Film posthum ein Denkmal setzt) wirkt in der Gesamtschau noch präziser. Durch das Wegfallen der Rückblenden am Anfang von „Vol. 2“ gewinnt der Film an erzählerischer Dichte und lässt das finale Duell am Ende der Reise emotional schwerer wiegen. David Carradine als Bill ist in dieser Schnittfassung präsenter, obwohl er lange nur als Stimme aus dem Off oder in Rückblenden existiert. Sein Bill ist kein simpler Bösewicht, sondern ein sanftmütiger Soziopath, dessen philosophische Exkurse (man denke an den Superman-Monolog) in der Gesamtschau des Films ein noch größeres Gewicht bekommen.
Tarantino beweist mit dieser Fassung, dass Kill Bill nie als Diptychon geplant war. Es ist ein singulärer Monolith. Wer die Filme in- und auswendig kennt, wird von der neuen Dynamik überrascht sein; wer sie noch nie im Kino sah, wird von der audiovisuellen Wucht schlicht erschlagen. Trotz der stattlichen Laufzeit von 275 Minuten (inklusive einer klassischen 15-minütigen Pause) gibt es kaum Längen. Es ist das ultimative Vermächtnis einer Ära, in der Kino noch wehtun, glänzen und vor allem maßlos sein durfte. Ein Muss für jeden, der das Medium liebt.
Autor: Christian Oita
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Neu im Kino: Kill Bill – The Whole Bloody Affair







