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Rolf Holzapfel inmitten seiner Kühe mit Hörnern. Für den Demeter-Bauer sind die Hörner wichtige „Sinnesorgane“.

Voggenreute – Ein runder Geburtstag ist immer etwas Besonderes. Und wenn dann noch eine lange Geschichte dahinter steckt erst recht. 100 Jahre ist fraglos ein Zeitraum, der Aufmerksamkeit verdient. Und erst recht, wenn darin eine Idee gewachsen ist, die Früchte trägt und aktueller nicht sein kann. Denn damals – nur sechs Jahre nach dem Ersten Weltkrieg – wie heute – angesichts der Klimakrise – stellen sich die Fragen: Wie wollen wir leben und wovon wollen wir leben? Vielfalt statt Einfalt war die Antwort einiger weniger Bauern, die 1924 sich im Namen der griechischen Fruchtbarkeitsgöttin Demeter zusammentaten, um fortan mit zum Teil rätselhaften Methoden und Regeln ihr Land zu bewirtschaften. Ziel war und ist es, in einem Kreislauf Nahrung für Tier und Mensch zu gewinnen ohne die Mutter Erde mit industriellen Mitteln zu erschöpfen.

Wozu industrielle Gewalt fähig ist, zeigte sich auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges, wo nicht nur Maschinengewehre, sondern erstmals auch Giftgas zum Einsatz kamen mit Millionen Toten, von denen viele noch nicht begraben waren, als an Pfingsten 1924 Rudolf Steiner im schlesischen Schloss Koberwitz, heute im polnischen Kobierzyce gelegen, mit seiner Vortragsreihe „Landwirtschaftlicher Kurs“ den Gründungsimpuls für die biodynamische Wirtschaftsweise und die Demeter-Gemeinschaft gab. „Die anthroposophischen Landwirte wollten Anregungen für eine bessere Landwirtschaft, auch aus spiritueller Sicht“, heißt es in der Festschrift zum Jubiläum.

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Rolf Holzapfel empfängt in seinem Büro im Hofgut Voggenreute, inmitten von Wald und Wiesen gelegen, das er seit 1997 in Pacht und seit 2000 als Demeter-Betrieb bewirtschaftet. 60 Milchkühe und ihr Nachwuchs leben von 70 Hektar Acker und Wiesen. Das Hofgut liegt im Naherholungsbereich von Biberach, in der Nähe von Reute, und neben den Kühen und Rindern findet sich ein kleines Bullerbü als Außenstelle des Waldorfkindergartens in Biberach. Der 55-jährige Landwirtschaftsmeister ist „zu 100 Prozent“ Bauer, wie er sagt, allerdings mit einem kleinen IT-Unternehmen, das er bereits 2007 gründete, wohl wissend, dass die Digitalisierung auch für die Landwirtschaft unumgänglich ist. Sechs Mitarbeiter, deren Arbeitsplätze sich ebenfalls im Hofgut befinden, kümmern sich um die spezielle Software und ihre Kunden, die inzwischen nicht nur aus der Landwirtschaft kommen.

Tiergerecht: Das Tierwohl steht bei der kuhgebundenen Kälberhaltung im Vordergrund. Das Kalb säuft die ersten drei Monate am Euter der Kuh. Fotos: privat

Rolf Holzapfel, Vater von fünf Kindern, ist umtriebig und modern („Ich mache das, was mir Spaß macht.“), und als Aufsichtsratsvorsitzender von Demeter Deutschland tief verwurzelt in einer 100-jährigen Geschichte eines Verbandes, der noch in Hungerzeiten sich Gedanken über Bodenorganismen und Tierwohl machte, den schnellen und modernen Griff zu Kunstdünger und Gift rigoros ablehnt und das Kuhhorn als „Sinnesorgan“ (Holzapfel) unter absoluten Schutz stellt. Es klingt wie eine Liebeserklärung, wenn der Biobauer über die Wichtigkeit der Hörner für das Wohl der Kuh von der Verdauung bis zur Milch spricht, die selbstredend als Heumilch ohne Silage, nur mit Gras und Heu produziert wird. 

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Und damit nicht genug: Seit einigen Jahren vermarktet ein Zusammenschluss von anfangs 14 jetzt 38 regionalen Demeterbauern ihre Heumilch mit dem Gütesiegel „kuhgebundene Kälberaufzucht“. Was steckt dahinter?

Der geschäftsführende Vorstand der Demeter Heumilchbauern Rolf Holzapfel beschreibt das Dilemma: Eine Kuh gibt nur Milch, wenn es ein Kalb hat. Aber damit das Kalb nicht die Milch, die verkauft werden soll, wegsäuft, wird es bei den meisten Milchviehbetrieben direkt nach der Geburt von der Kuh getrennt und vereinzelt mit Milchpulver gefüttert. Dieses Schicksal teilen Kälber beiderlei Geschlechts. Aber Bullenkälber (die Hälfte der Kälber) trifft es besonders hart, für sie ist kein Platz zwischen Milchkühen, deshalb werden sie so schnell wie möglich verkauft, egal wie schlecht der Preis ist. Und nicht selten beginnt dann für die wenige Wochen alten Tiere die Tortur des Transports aus einem oberschwäbischen Stall ins europäische Ausland bis nach Nordafrika, wo sie gemästet und schließlich geschlachtet werden und als Re-Import den hiesigen Mästern Konkurrenz machen. Ein Dilemma, es beginnt mit der Milch und betrifft auch Biobetriebe.

Damit wollte sich der Demeter-Bauer nicht abfinden und ergriff 2018 die Initiative. Die Kälber der Heumilchbauern bleiben seitdem 
mindestens die ersten drei Monate bei ihren Müttern oder Ammen und  saufen fröhlich „ihre“ Milch direkt aus dem Euter. Dann kommen die von der Milch abgesetzten schlachtreifen Bullenkälber zum Mäster oder zum Metzger und die Kuhkälber zum Jungvieh. Eigentlich ganz einfach, wenn beim Milchgeld nicht eine erkleckliche Summe fehlen würde, rund ein Viertel. Das nämlich ließen sich die hungrigen Kälber schmecken und dafür müssen die Verbraucher zahlen.

Den Bauern freut’s, wenn sie das tun. Rolf Holzapfel sieht sich in der Pflicht („Die moralische Verantwortung hat man.“), und er weiß auch um die politische Brisanz. „Wir brauchen eine andere Milchviehhaltung.“ Dazu bedarf es freilich verlässlicher Partner. Die Bauern als Erzeuger sind der Anfang, es folgen Produzenten, Händler und schließlich die Kunden.

Idyllisch: Hofgut Voggenreute in der Nähe von Reute gelegen.

Mit Edeka Südwest hat Demeter einen starken und attraktiven Händler an seiner Seite – und das schon seit 30 Jahren. Dabei zeichnet den Bioverband eine besondere Struktur aus. Mitglieder sind nicht nur Bauern, sondern auch die Partner der Wertschöpfungskette, wie Holzapfel erklärt. Das führe dazu, dass man gemeinsam über Erzeugung, Produktion und Verkauf berät und beschließt. Es herrsche „volle Transparenz“ auch in der Preisbildung. Das Einzelinteresse der Partner und Mitglieder müsse sich dem Gesamtinteresse fügen, nämlich ökologisch nachhaltig hochwertige und gesunde Lebensmittel zu produzieren, zu verarbeiten und zu vermarkten. Diese „assoziative Wirtschaftsweise“ sei von großem Vorteil, schwärmt der Landwirt. Dazu zählen auch die Kunden, die als Hobbygärtner ebenfalls Mitglied bei Demeter werden können. Stolz berichtet der Verband, dass mehr als 400 Garten- und Biodiversitäts-Fans Mitglied in einer der Gartengruppen von Demeter Baden-Württemberg sind. Diese treffen sich mehrmals im Jahr zu Vortrags- und Diskussionsabenden über Gartenthemen, Ökolandbau, gesunde Ernährung, Vielfalt und Biodiversität. Dazu wird ein wechselndes Sommerprogramm mit Exkursionen, Gartenbesichtigungen, Kursen und Besuchen von Demeter-Betrieben angeboten.

Demeter haftet ausgehend von Rudolf Steiners Lehre der Anthroposophie ein Übermaß an Esoterik an, kritisieren nüchterne Zeitgenossen und belächeln den Glauben an den Einfluss der Gestirne bei Saat und Ernte oder wenden sich mit Blick auf die geringeren Erträge – eine Demeter-Kuh liefert etwa ein Drittel weniger Milch als eine konventionelle Hochleistungskuh – Nase rümpfend ab. Ralf Holzapfel ficht das nicht an. Er sieht sich nicht als Anthroposoph, der Bauer ist. „Mich interessiert die Gesamtidee“, die der Praktiker „nicht dogmatisch, sondern dynamisch“ versteht. Und räumt selbstkritisch ein: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“

Aber mit Blick auf seine konventionellen Kollegen und deren massiven Proteste, inklusive des zur Schau gestellten „Technikgigantismus“, stellt Holzapfel fest: Die demonstrierte Aggressivität sei Ausdruck einer „seit 40 Jahren geschundenen Bauernseele“, die an der schwindenden gesellschaftlichen Wertschätzung leide. Aber, so der Demeter-Bauer, „es zwingt einen niemand“, konventionelle Landwirtschaft zu treiben, stellt er nüchtern fest. Das Blatt hat sich gewendet. Wurden vor 50 Jahren die ersten Biobauern von ihren Kollegen aus dem Bauernverband viele Jahre als Spinner und Nestbeschmutzer angefeindet, so werden heute die verbliebenen konventionellen Landwirte von Wissenschaft und Gesellschaft für das dramatische Artensterben auf Äcker und Wiesen verantwortlich gemacht. Das schmerzt. Rolf Holzapfel nicht: „Ich fühle mich wertgeschätzt.“

Anthroposophie
Die biologisch-dynamische Landwirtschaft ist eingebettet in einen geistigen Erkenntnisweg, der nicht nur die Landwirtschaft, sondern alle Lebensfelder von Wirtschaft bis Kunst, von Gesundheit bis Pädagogik berührt.Anthroposophie – wörtlich aus dem Griechischen „Weisheit vom Menschen” – versteht sich als eine Methode der individuellen Bewusstseinsentwicklung. Als geistige Bewegung wurde sie von Rudolf Steiner (1861-1925) begründet. Sie macht es möglich, auf Fragen, die jeden Menschen tief bewegen können, Sinnfragen, Fragen nach dem Warum und Wie, durch Studium, innere Schulung und Übung selbst Antworten zu finden. Sie sieht sich daher als Anregung, einen individuellen Entwicklungsweg zu gehen sowie Lebens- und Kulturverhältnisse neu zu gestalten und nicht als System und Lehre. 
Quelle:  www.demeter.at/ueber-demeter/anthroposophie/

Autor: Roland Reck



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