Forbes

Leutkirch -  Die jüdische Familie Gollowitsch aus Leutkirch wurde im Holocaust ermordet. Überlebt haben nur zwei Töchter, die rechtzeitig in die USA und nach England auswandern konnten. Peter Forbes (72) ist Sohn von Margot Gollowitsch, er wurde 1941 in England geboren. Im Leutkircher „Cubus" berichtete er über seine Familiengeschichte, lobte die Leutkircher Erinnerungskultur – machte zugleich aber klar, dass seine Mutter vieles kritischer gesehen hätte.

Peter Forbes kam auf Einladung von Oberbürgermeister Hansjörg Henle nach Leutkirch. Der im englischen Oxford lebende Forbes hatte sich am Montag, 26. Mai, vormittags im ehemaligen Gollowitsch-Haus in der Marktstraße 27 ins Goldene Buch der Stadt Leutkirch eintragen, wo ein Begrüßungsempfang stattfand. Für Peter Forbes war es nicht der erste Besuch in Leutkirch – zusammen mit seiner Mutter Margot Forbes, geborene Gollowitsch, hatte er mehrmals deren Heimatstadt besucht. Allerdings war es der erste Besuch, bei dem er offiziell von der Stadt eingeladen war und in einer öffentlichen Veranstaltung mit Leutkirchern ins Gespräch kam.

Der Abend begann vor der „Lilo"-Figur des britischen Künstlers Robert Koenig. Die Figur erinnert an Forbes' Großcousine Lilo Gollowitsch. Musik durchströmt den Schulhof des Hans-Multscher-Gymnasiums. Es sind die Klänge von „Aftermath", die Forbes' Gattin Beatrix komponiert hat. Nach dem Tod ihrer Schwiegermutter Margot Forbes gestaltete sie das Stück – es soll auch an die Ermordung der Gollowitsch-Familie und den Holocaust erinnern.

Das Hans-Multscher-Gymnasium hat als erste Schule die Patenschaft für die „Lilo"-Figur übernommen. Sie ist eine „Wächterin der Erinnerung" und steht für alle, „die nicht mehr hier sind, für die Opfer der Geschichte", wie Robert Koenig in einer Grußbotschaft formuliert, und hinzufügt: „Die Erinnerung und Versöhnung geht weiter." Für Eugen Hoh, Schulleiter des Hans-Multscher-Gymnasiums, bedeutet aus der Geschichte zu lernen, im konkreten Schulalltag anzufangen und alle Formen der Gewalt zu thematisieren, wozu auch Mobbing gehöre.

Im Cubus wird Peter Forbes von Oberbürgermeister Hans-Jörg Henle und Emil Hösch begrüßt. Dann beantwortet Peter Forbes auf Englisch Fragen zu seiner Familiengeschichte, Manfred Eisele übersetzt – als Englischlehrer hatte er mit seinem Geschichtskollegen Emil Hösch und Oberstufenschülern Margot Forbes in Oxford besucht. Forbes berichtet, wie seine Mutter Margot von Leutkirch nach Berlin zog, um dort in einem jüdischen Kinderheim zu arbeiten. Hier erlebte sie die Reichspogromnacht, machte aber die Erfahrung, dass die herbeigerufene Polizei den randalierenden Mob in die Schranken wies – ein Beispiel dafür, wie widersprüchlich und willkürlich das NS-Regime teilweise agierte. In Berlin gelang es Margot Gollowitsch, ein Visum für eine Arbeitsstelle als Kindermädchen in England zu bekommen. Wie die Vermittlung erfolgte, die sich später als lebensrettend herausstellte, weiß Forbes nicht. „Das wichtigste war, dass sie Arbeit hatte. Ohne Arbeit hätte sie kein Visum bekommen." Am 14. August 1939 floh Margot Gollowitsch als 19-Jährige nach England, nur wenige Tage vor Beginn des Zweiten Weltkrieges. 1941 kam ihr Sohn Peter zur Welt. Sein Vater war ein Soldat der Luftstreitkräfte des Vereinigten Königreiches, den Nachnamen Forbes erhielt er erst in den 1950er-Jahren, als seine Mutter Thomas Forbes heiratete; die Ehe hielt nicht lange. Doch Margot war wichtig, einen englischen Namen anzunehmen und auch so mit der deutschen Vergangenheit zu brechen. „Ich wurde wegen meines Namens aufgezogen, alle nannten mich Golli", erzählt Peter Forbes. Heute kann er darüber lachen.

Von Religion wollte seine Mutter nach dem Holocaust nichts mehr wissen, sie sah in den verschiedenen Religionen mit die Ursache für Ausgrenzung und Gewalt. Bereits zu Leutkircher Zeiten hatten die Gollowitsch weitgehend säkular gelebt, in England ließ sie ihren Sohn Peter sogar christlich taufen: „Meine Mutter wollte mich bestmöglich integrieren. Wir waren in England, also wurde ich getauft", sagt Peter Forbes. Das Judentum sei für seine Familiengeschichte relevant, „aber nicht für mich selbst".

Peter Forbes skizziert das Bild einer Mutter, die auf die Tyrannei des Dritten Reiches und die mangelnde Aufarbeitung in der Nachkriegszeit sehr verbittert zurück blickte – gleichzeitig aber versuchte, „nach vorne zu schauen und das beste aus ihrer Situation zu machen". Dazu gehörte auch Vergessen und Verdrängen, über vieles hat sie mit ihrem Sohn Peter Forbes nicht gesprochen. Auf die quälende Frage, warum die anderen Familienmitglieder nicht ebenfalls fliehen konnten, hat Peter Forbes keine Antwort. Nach der Pause, die Reinhold Kraft am Klavier gestaltet, gibt Hedwig Reisinger in der von Emil Hösch moderierten Zeitzeugenrunde eine Erklärung: Ihr Vater habe sich mit Herrn Gollowitsch über Auswanderungspläne unterhalten und als Antwort bekommen: „Wir sind doch hier zuhause, in den Großstädten mag es sein, dass es schwierig wird, aber wir sind doch Leutkircher, wir fühlen uns sicher." Erwin Schuck berichtet, wie im Kaufhaus Gollowitsch alle Kunden zuvorkommend behandelt wurden. „Wenn meine Mutter als Bäuerin kam, dann war sie gleichwertig zu Justizassesoren und hochwertigen Stadtleuten." Vor der Deportation habe Lilly Gollowitsch seiner Tante eine Polstergarnitur verkauft: „Sie wollte nicht, dass Nazis auf ihren Möbeln sitzen", erzählt Schuck. Mehrmals wird an dem Abend die Qualität der Gollowitsch-Waren gerühmt. Alfons Mösle aus Aitrach zeigt ein Geschirrhandtuch, das immer noch gut lesbar den Schriftzug „Gollowitsch" trägt.

Peter Forbes gibt sich als britischer Gentleman – zurückhaltend, optimistisch, versöhnt, nicht einmal zwischen den Zeilen ertönt eine Anklage. Er lobt die Leutkircher Erinnerungskultur, hofft, dass sie weiter anhält – räumt aber ein, dass seine Mutter auf viele Fragen kritischer geantwortet hätte. Hildegard Kappler erinnert sich an ein Gespräch mit Margot Forbes, in der diese in den 1990er-Jahren verbittert gesagt habe: „So viele Juden hat es gar nicht gegeben, die angeblich gerettet worden sind." Gleichzeitig habe Margot Forbes „sehr wohl unterschieden, wer wohlgesonnen und wer Nazi war". Hubert Moosmayer sieht Stolpersteine als „verunsichernde Orte" und damit als geeignete Möglichkeit der Erinnerung: „Wer stolpert, wird verunsichert und hält inne." Claudia Bühler ist es ein Anliegen, die Erinnerung an den Holocaust den nächsten Generationen zu vermitteln. Laut Milena Rast, Schülersprecherin am Hans-Multscher-Gymnasium, ist dies gelungen: Das Erinnern von Zeitzeugen helfe nachzuvollziehen, „dass das Verbrechen noch nicht so lang her ist". Von Peter Forbes wollte die Schülerin wissen, ob er als junger Mensch stark unter der Vergangenheit gelitten habe – der Brite antwortete mit einem klaren „Nein". Auch mit Antisemitismus wurde Peter Forbes persönlich nicht konfrontiert, Sorge macht ihm jedoch die rechtsextreme Entwicklung in Ungarn.

Zum Abschied bekommt Peter Forbes, der als Antiquitätenhändler Spezialist für Schlüssel ist, einen alten Schlüssel überreicht, der im Heimatmuseum abgegeben worden war. Auch wenn es nur die Kopie eines alten Schlüssels ist, freut er sich über die Symbolik: Die Türen und Herzen der Leutkircher stehen ihm, spät genug, offen.

 

Text von Raphael Rauch, Bilder von Hans Reichert

  • Peter Forbes 100Peter Forbes 100
  • Peter Forbes 101Peter Forbes 101
  • Peter Forbes 102Peter Forbes 102

  • Peter Forbes 103Peter Forbes 103
  • Peter Forbes 104Peter Forbes 104
  • Peter Forbes 105Peter Forbes 105

  • Peter Forbes 106Peter Forbes 106
  • Peter Forbes 107Peter Forbes 107
  • Peter Forbes 108Peter Forbes 108

  • Peter Forbes 109Peter Forbes 109
  • Peter Forbes 110Peter Forbes 110
  • Peter Forbes 111Peter Forbes 111

  • Peter Forbes 112Peter Forbes 112
  • Peter Forbes 113Peter Forbes 113
  • Peter Forbes 114Peter Forbes 114

  • Peter Forbes 115Peter Forbes 115

Submit to FacebookSubmit to Google PlusSubmit to Twitter
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok