06handwerker vor ortBad Wurzach - Zweimal im Jahr veranstaltet die Handwerkskammer Ulm in verschiedenen Städten ihres Kammergebietes diese Informationsveranstaltung. Rund fünfzig Handwerker, aber auch Kommunalpolitiker, Arbeitsberater und Pädagogen nutzten die Gelegenheit , sich über die Situation des Handwerks vor Ort zu informieren, die Zukunftsstrategien der Handwerkskammer Ulm kennen zu lernen und darüber zu diskutieren. Bild: Die Protagonisten der Podiumsdiskussion: v.l. Christiane Vincon Westermayer (HGV-Vorsitzende), Michael Bucher (Kreishandswerksmeister), Alexandra Scherer (Bürgermeisterin Bad Wurzach) und Dr. Tobias Mehlich (Hauptgeschäftsführer Handwerkskammer Ulm).

 

 

Dr. Tobias Mehlich, der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Ulm eröffnete seinen Vortrag zur Situation des Handwerkes in Bad Wurzach mit einigen Kennzahlen: 5.400 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte gibt es in der Stadt. 1685 Einpendlern stehen 3958 Auspendler, also Menschen, die ihren Lebensunterhalt nicht in Bad Wurzach verdienen, gegenüber. Bei 174 Arbeitslosen (=3%) herrscht in Bad Wurzach nach offizieller Lesart Vollbeschäftigung.

 

Positiv sieht es mit der Zahl der Handwerksbetriebe in der Stadt aus: Von 2008 bis 2018 stieg zu Zahl der Betriebe von 161 auf 270, von denen Maurer, Beton- und Holzbauer sowie insgesamt direkt oder indirekt mit der Baubranche verbundene Betriebe den Löwenanteil ausmachen. Zwischen 2012 und 2018 absolvierten 105 Handwerker aus Bad Wurzach eine HWK-Fortbildung, 31 absolvierten die Meisterprüfung, die zur Betriebsgründung und zur Betriebsnachfolge berechtigt. Nach schwächeren Jahren zwischen 2011 und 2014 stieg die Zahl der Betriebsneugründungen konstant an.

 

Weniger erfreulich sind die Zahlen bei der Betriebsnachfolge: 12% der Inhaber sind über 60 Jahre, nimmt man allerdings die über 55 jährigen dazu erhöht sich die Zahl der Betriebe, die in naher Zukunft einen Nachfolger suchen müssen deutlich. 23 Betriebe brauchen dabei Unterstützung bei der Nachfolgeregelung. Die HWK bietet in ihrem Zentrum für Betriebsnachfolge dabei Unterstützung, u.a. auch mit einer Betriebsbewertung.

 

Bei der Ausbildung sieht Dr. Mehlich in Bad Wurzach die Aktivität noch etwas unterdurchschnittlich: 29 von 277 Betrieben bilden derzeit 75 Lehrlinge aus, davon 14 weiblich. Seiner Meinung nach sollte hierauf das Hauptaugenmerk der Betriebe gelegt werden, denn Frauen seien bessere Schüler. 20:80 sei das Verhältnis von weiblichen zu männlichen Lehrlingen insgesamt, aber bei den Ehrungen der Besten stehe das Verhältnis 60:40 zugunsten der weiblichen Lehrlinge. Die Aktivitäten der Betriebe zur Lehrlingsgewinnung sind Bildungspartnerschaften, sieben haben eine Bildungspartnerschaft mit der Werkrealschule, einer mit der Realschule.

 

Der Kampf um guten Nachwuchs werde intensiver. 285 Lehrstellen blieben im vergangenen Jahr landkreisweit unbesetzt. 250 Betriebe haben für 2019 359 Lehrstellen platziert. Eine Möglichkeit sieht Mehlich in einer frühzeitigen Meldung freier Lehrstellen sowie im Einsatz sogenannter Ausbildungsbotschafter, d. h. Lehrlinge, die in den Schulen von Jugendlichem zu Jugendlichem für ihre Ausbildung werben sollen.

 

Wichtig sei auch die Personalberatung, etwa durch das Projekt Handwerk 2025 der HWK, denn fast Zweidrittel der im Handwerk ausgebildeten Fachkräfte verlassen später ihren Ausbildungsbetrieb. Große Probleme bereitet der Fachkräftemangel vielen Betrieben, nur 22% fanden problemlos neue Mitarbeiter, 40 % suchten vergeblich. Das Angebot der Personalberatung der HWK umfasst Personalmarketing und -auswahl, Mitarbeiterbindung, Personalentwicklung und -führung in Form von Beratungen oder Seminaren.

 

Sein Fazit: Das Handwerk habe eine gute Ausgangsposition, es müsse sich nur auf seine Argumente als attraktiver Arbeitgeber besinnen. Die HWK arbeit derzeit intensiv an der Reform der Handwerksordnung mit Meisterpflicht, Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung, Reform der Grundsteuer und flächendeckender Versorgung mit Breitband und Mobilfunk.

Diese, so betonte Bad Wurzachs Bürgermeisterin Alexandra Scherer, die mit Kämmerer Stefan Kunz und Stadtbaumeister Matthäus Rude zwei ihrer Spitzenbeamten mitgebracht hatte, sei zwar keine kommunale Aufgabe, aber werde als Standortfaktor immer wichtiger, wie sie in ihrem Referat über die Stadtentwicklung und Gewerbeförderung betonte.

 

 

Die Stadt habe in den letzten fünf Jahren rund 10 ha gewerbliches Bauland erschlossen, mit weiteren 6ha sollen bestehende Gewerbeflächen erweitert werden. Aber dann stößt die Stadt wegen des Anbindegebotes des Landes Baden–Württemberg bereits an ihre Grenzen (Stichwort: Brugg), was besonders bitter sei, weil eine Flächenbevorratung ja so wichtig sei. Dem Fachkräftemangel versucht Bad Wurzach auch mit der Schaffung von (bezahlbarem) Wohnraum zu begegnen: 330 Wohneinheiten sind in den letzten fünf Jahren entstanden, 30% davon durch Nachverdichtung, das Bauvolumen stieg von 2014 bis 2018 von 20,9 auf 47,1 Mio €. Bei der weiteren Ausweisung von Wohnbauflächen in Arnach, Haidgau und Ziegelbach solle auch auf bezahlbaren Wohnraum geachtet werden.

 

Zum Glasfaserausbau habe die Stadt bei jeder Baumaßnahme darauf geachtet, dass Mitverlegungsmaßnahmen, etwa beim Radwegbau, Stromleitungsbau usw. durchgeführt wurden. Aktuell werden die Gewerbegebiete Oberried und Ziegelwiese durch den FTTB Ausbau fitgemacht für den Anschluss. Insgesamt sieht der städtische Haushalt für diese Maßnahmen 2,76 Mio € in diesem Jahr vor. Bad Wwurzach hat als Flächengemeinde bereits viel Geld in die Hand genommen. Insgesamt hat die Stadt für den Glasfaserausbau 800 ha überplant, um bei der Umsetzung strukturiert vorgehen zu können. Innerhalb von 10 Jahren soll nach dem Willen von Scherer der gesamte Ausbau geleistet werden.

 

 

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion, zu der Mehlich neben der HGV Vorsitzenden Christiane Vincon-Westermayer auch den Vertreter des Handwerks im Landkreis, den Schreinermeister Michael Bucher, zu sich und Bürgermeisterin Scherer nach vorne bat, waren die Themen der Fachkräftemangel, die Schwierigkeiten, mit denen die Betriebe kämpfen müssen, um Lehrstellen zu besetzen und daneben auch der Ausbau von ÖNPV und Glafasernetz. Punktuell beteiligte sich auch Alexandra Natter, eine gebürtige Wurzacherin, die seit eineinhalb Jahren für die HWK Personalberatungen durchführt an der Diskussion.

 

So berichtete Vincon-Westermayer, dass es ihrem Betrieb erst nach fünf Jahren wieder gelungen sei ihre Lehrstelle zu besetzen, wobei sie auch die Sprunghaftigkeit mancher Kandidaten bedauerte. Wie denn der Traumlehrling aussehe, hakte Mehlich nach: „15 Jahre, mittlerer Bildungasabschluss, gut in Naturwissenschaften und freundlich und kompetent im Umgang mit Kunden,“ so definierte die Optikermeisterin ihren idealen Lehrling.

 

Michael Bucher setzt bei der Rekrutierung von gutem Nachwuchs auf die schon erwähnten Ausbildungsbotschafter, die an den Schulen von Jugendlichen zu Jugendlichen für ihre Ausbildung Werbung machen. Hier erntete er allerdings Widerspruch von Hildegard Mühler, der Karrierebegleiterin des Schulzentrums. Diese vermisste bei den bisherigen Besuchen von Ausbildungsbotschaftern Dynamik und Begeisterungsfähigkeit. Sie verwies außerdem auf den Einfluss von Freunden und besonders der Eltern auf die Berufswahl. Bürgermeisterin Scherer setzt auf die Übernahme eigener Auszubildenden etwa bei den Erzieherinnen, „denn da weiß man was man bekommt.“

 

Julia Kibler, Schulleiterin der Werkrealschule Bad Wurzach steuerte Erfahrungen aus der eigenen Familie zur Diskussion bei: Sie vermisste bei ihrem Jüngsten, der eine Kochlehre machen will, in diesem Bereich geregelte Arbeitszeiten, vernünftige Bezahlung und eine entsprechende Zukunftsperspektive.

Dazu meinte der Geschäftsführer der HWK: „In naher Zukunft werden die Jungen Leute die Arbeitsbedingungen diktieren, der Druck und die Herausforderungen an die Betriebe werden enorm wachsen und diese werden den Druck an den Markt (sprich die Kunden) weitergeben müssen.“

 

Josef Merk, Inhaber der Merk Holzbau GmbH vermisst bei den Werkreal- und Realschülern, die sich bewerben, die handwerkliche Vorbildung, die diese als Kinder von bäuerlichen Betrieben von Haus aus mitbekämen. Hermann Gütler, Müllermeister und Inhaber der Stelzenmühle verwies auf die Bedeutung der Berufspraktika bei der Rekrutierung von Azubis, zwei seiner drei Azubis habe er auf diesem Wege gewonnen. Eine Perspektive böte aus das Duale Ausbildungssystem, das generell angeboten werden solle. Ein weiterer Schritt sei die Vereinfachung der Berufsbezeichnungen bzw. es bei den alten Bezeichnungen zu belassen.

 

 

Bürgermeisterin Scherer empfiehlt auch dem Handwerk generell neue Wege bei der Gewinnung von Nachwuchs zu gehen: Sie verweist auf die öffentlichen Bauführungen beim Hallenbadneubau, um den jungen Leuten zu zeigen, was ein Handwerker wirklich macht. Bauunternehmer Horst Dangel bemängelte, dass der Baubranche immer alle Bauleiter und Polier werden wollten, und das obwohl die Bezahlung immer besser geworden sei. Mehlich sieht in der Entwicklung im Baubereich allerdings „Geld nicht als problemlösenden Faktor.“

 

Nach der intensiven Diskussion freuten sich alle auf den kleinen Imbiss um die angesprochen Themen in kleinen Gruppen noch zu vertiefen.

 

 

Bericht und Bilder: Ulrich Gresser

 

 

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