23claudia rothBad Wurzach - Im Kontext des Europatages mit vielen Projekten zum Thema Europa am 3. Mai fand nun der Besuch von Claudia Roth MdB für Bündnis 90/ Die Grünen und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages am Salvatorkolleg Bad Wurzach statt. Bild: Claudia Roth bei ihrem Vortrag vor den Schülern und Lehrern.

 

Als pünktlich um 9.30 Uhr ein weisser Elektro BMW mit Augsburger Kennzeichen vor dem Eingang der Schule vorfuhr, stand Schulleiter Pater Friedrich Emde schon parat, um den hohen Gast zu empfangen. Bei einem kleinen Frühstück im Lehrerzimmer erkundigte sich die Politikerin, deren Großvater Schulleiter in Bellamont war, sie selbst war in Ulm geboren, war in Babenhausen aufgewachsen und hatte in Krumbach ihr Abitur gemacht, wie einige berühmte Zeitgenossen Theo Waigel und Thomas Tuchel, den zu erwähnen dem großen Fußballfan natürlich wichtig war, nach den Themen (u.a. Steppenwolf) und Ergebnissen des Deutsch-Abiturs. Pater Friedrich erläuterte ihr die Komplexität der Dreifach-Korrektur, weswegen die Ergebnisse noch nicht vorlagen. Die Grünen-Politikerin legte dem versammelten Lehrerkollegium die Wichtigkeit der Friday for future Aktionen ans Herz.

 

Das Treffen mit den Kursstufen 1 und 2 eröffnete, nach der Begrüßung durch Pater Friederich, der darin an den Jahrestag der Verabschiedung des Grundgesetzes und an eine der tragenden Säulen des Schulprofils, die Weltoffenheit erinnerte, die Klasse 8d mit ihrer beim Europatag gemeinsam mit ihrer Musiklehrerin Christine Braig eingeübten Klangcollage europäischer Hymnen. Claudia Roth, die ihre politische Laufbahn in den wilden Zeiten des Europaparlaments begann, appellierte mit Blick auf diese Erfahrungen an die Schüler, Sprachen zu lernen und sich eine eigene Meinung zu bilden. „Das ist Demokratie.“ Sie selbst sei mit ihrer Schule bei den ersten gewesen, die mit Schulkassen Schüleraustausche z.B. mit französischen Schulen organisierten.

 

Nach dem Abitur hospitierte sie am Theater Memmingen als Regieassistentin, studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Geschichte in München, als sie ein Angebot bekam an den Städtischen Bühnen in Dortmund als Dramaturgin zu arbeiten. Was ihr in dieser Zeit besonders zu Herzen ging, war das Zechensterben und die Stahlkrise, bei der viele Menschen ihren Job und Lebensinhalt verloren.

 

Von 1982 bis 85 war sie Managerin der Politband Ton, Steine Scherben um Rio Reiser, die in Der Zeit von Friedens- und Antiatomkraftbewegung viel unterwegs war. „Ich habe das Gefühl, so etwas ähnliches entsteht gerade wieder, und das muss auch wieder sein“, meinte sie zu den Klimaschutzprotesten. 1987 wurde sie bei den Grünen Mitglied, für die sie schon seit 1985 als Pressesprecherin der Bundestagsfraktion tätig war, ehe sie 1989 ins Europäische Parlament gewählt wurde. Eine Zeit die sie als unheimlich privilegiert empfand, damals noch ohne Österreich, ohne die Skandinavier und ohne Staaten aus dem Osten. Ihr Kommentar zur aktuellen politischen Gemengelage vor der EU-Wahl: „Es gibt Parteien, die wollen die EU jetzt von innen heraus zerstören.“

 

Als sie 1998 in den Bundestag gewählt wurde und sie Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses wurde, definierte sie den Begriff Menschenrechte neu: „Wie steht es um die Rechte von Frauen, Kindern, Kranken, Minderheiten wie Lesben und Schwulen?“ Es war ihr wichtig als Menschenrechtsbeauftragte, auch vor der eigenen Haustüre zu kehren. „Und wenn Jemand wie ich Vizepräsidentin des Bundestages werden kann, hat sich das Land verändert!“ kommentierte sie ihren aktuellen Status.

 

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, gerne zitiert die Politikerin an diesem Morgen Artikel 1 des Grundgesetzes, das am 24. Mai vor 70 Jahren in Kraft trat. „Genau darum kämpfen viele Menschen auf der Welt, was bei uns selbstverständlich ist. Dass zu den Säulen der Demokratie auch die Pressefreiheit zählt, das verstehen weder die Trumps, Erdogans, auch nicht die Maduros, Putins oder der neue faschistische Präsident Brasiliens.“

 

Sie appellierte an die Gymnasiasten, für Rechtsstaat und Demokratie aktiv zu werden und am Sonntag zur Wahl zu gehen. Dass Nichtwählen „verdammt schief gehen kann“ bewies das Referendum zum Brexit. Weil nur 30% der jungen Generation zur Wahl gingen, aber 80 bis 90 % der Älteren ergab sich die jetzige verfahrene Situation. Ebenso sei es nicht egal wer im Gemeinderat sitzt. Die jetzige junge Generation stehe vor großen Herausforderungen, um für Demokratie einzutreten. Sie sei mittendrin in der Krise, und die letzte, die etwa beim Klimawandel („Friday for future“), beim Artensterben noch etwas bewegen könne.

 

Auf die Frage aus den Reihen der Schüler, wie sich Roth erkläre, dass die AfD in so viele Parlamente gewählt wurde, sagte Roth: „Die anderen Parteien haben unterschätzt, dass die Wähler keinen Bock mehr auf Streitereien innerhalb von Koalitionen hatten. “ Die AfD böte einfache, populistische Antworten, hätte schnell Feindbilder parat und griff Ethik und Moral selbst in den Parlamenten an. In ihrem Parteiprogramm setzen sie auf einen EU-Austritt Deutschlands, was einem ökonomischen K.o. – insbesondere im Südwesten – gleichkäme , auf Vertrauensverlust gegenüber dem Land, das sich das nach dem Zweiten Weltkrieg hart erarbeiten musste.

 

Roth empfahl den Schülern, sich mit den Thesen von Hass und Verächtlichmachung auseinanderzusetzen. Sie selbst habe in den sozialen Medien schlimmes erleben müssen, auf das von der Justiz erst vor eineinhalb Jahren und damit zu spät reagiert worden sei. Erst dann habe ein Richter festgestellt, dass Bedrohungen im Konjunktiv als Aufforderung zum Mord gelten. Aber sie sei dankbar dafür, dass die demokratischen Parteien zusammenhalten.

 

Bei der Frage nach der Gleichberechtigung der Frau – derzeit sind nur 30 % der Abgeordneten im Bundestag Frauen, obwohl sie 52% der Bevölkerung ausmachten. Dies sei ja nicht nur eine Frage der Quantität, sondern auch der Qualität und der Perspektiven. Die von den Grünen eingeführte Quote habe in dieser Hinsicht geholfen. Im Hinblick auf die Karriereblockaden nach dem Abitur, das viele weiblichen Absolventen besser schafften wie ihre männlichen Pendants, forderte sie die Mädchen auf, Anspruch auf Teilhabe zu erheben und nie den Mut zu verlieren.

 

Mit zwei Gesangstiteln des (ausnahmslos weiblich besetzten) Vokalensembles unter der Leitung von Christine Braig endete der offizielle Teil des Besuches der hochrangigen Politikerin. Nicht jedoch ohne sich für Selfies mit den Schülern in Pose zu stellen.

 

 

Bericht und Bilder: Ulrich Gresser

 

 

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