26ardLeutkirch/Bad Wurzach/Bad Waldsee - Zur Mitgliederversammlung im Jubiläumsjahr der Leutkircher Bank eG, Bad Waldseer Bank und Bad Wurzacher Bank im Kursaal in Bad Wurzach waren etwa 550 Mitglieder der Genossenschaftsbank gekommen, die ihr Kommen nicht zu bereuen brauchten. Bild: Die ARD Börsenexpertin Anja Kohl zwischen Karl Josef Högerle und der Vorstandsvorsitzenden Rosemarie Miller-Weber


Das lag zum einen an dem fundierten Vortrag der ARD-Börsenexpertin, zum anderen aber auch an der erneut positiven Jahresbilanz, welche die Vorstandsvorsitzende Rosemarie Miller-Weber präsentieren konnte.

Um 112 Millionen Euro (4,9 %) stieg das gesamte betreute Kundenvolumen im Jahre 2015, konnte Miller-Weber der Versammlung im Jubiläumsjahr berichten . Nicht ohne Stolz berichtete die Vorstandsvorsitzende auch , dass die Anzahl der Mitglieder auf 28.010 gestiegen ist. Doch die Bankenbranche stehe vor großen Herausforderungen. Der Niedrigzins, der die Branche allein 2011 125 Mrd Euro gekostet habe, belaste weiterhin: „Das bezahlen wir alle gemeinsam!“ Die Digitalisierung, Stichwort „Smartphone App“ und das damit veränderte Kundenverhalten wirke sich auch auf die Geschäftsstellen aus. Obwohl die Geschäfte zunehmen, seien immer weniger Kunden direkt am Schalter.

„Mit künftig 13 Geschäftsstellen in Bad Waldsee, Wolfegg, Bad Wurzach, Leutkirch, Aitrach und Aichstetten ist die Bank mit 340 Öffnungsstunden nach wie vor mehr präsent als alle anderen Banken.“ Menschen, die nicht mehr zur Bank kommen können, hätten ab Mitte des Jahres die möglichkeit einen Heimservice in Anspruch zu nehmen. Das Geld werde nach telefonischer Bestellung mittels Kurier dann einmal in der Woche nach Hause geliefert. Aus Sicherheitsgründen können Überweisungen nicht mehr per Einwurf in den Briefkasten, sondern nur noch am Schalter abgegeben werden. Da das Mitgliederbonusprogramm nicht als steuerlich abziehbar anerkannt wurde, wird die Genossenschaftsbank ab 2016 wieder zur Dividendenzahlung zurückkehren.

Zum Abschluss ihres Vortrages dankte sie Alfred Reichle, der 38 Jahre lang im Aufsichtsrat der Bank tätig war und sich bei der Vertreterversammlung nicht mehr zur Wiederwahl stellte, für seine Beiträge, bei denen er „immer auf den Punkt kam.“ Ein weiterer Abschied betraf Vorstandsmitglied Karl Josef Högerle, der sich nach 26 Jahren, 23 davon bei der Bad Waldseer und die letzten 3 bei der Leutkircher Bank eG, zum 30. April in den Ruhestand verabschieden wird. Miller-Weber beschrieb ihren auch menschlich hochgeschätzten Kollegen so: „Da hatten sich zwei gefunden, die zueinander passten. Aus dem Beruf ist Berufung geworden.“

Högerle selbst, der 1993 die Fusion von Bad Waldseer Volksbank mit den Raiffeisenbanken Bad Waldsee und Haisterkirch zur Bad Waldseer Bank und 2000 deren Verschmelzung mit der RaiBa Wolfegg mittrug und 2013 schliesslich an der Vereinigung mit der Leutkircher Bank als Vorstand massgeblich beteiligt war, sagte in seiner Abschiedsrede, er habe viele positiven Entscheidungen mittragen und viele technischen Entwicklungen miterleben dürfen. Die Arbeit sei abwechslungsreich und herausfordernd gewesen. Zuversichtlich, hoffnungsvoll und entschlossen gehe er den neuen Lebensabschnitt an, auch wenn ein Kunde zu ihm gesagt habe: „Die Rente hat noch keiner überlebt.“

Mit dem Stargast des Abends, der ARD-Börsenexpertin Anja Kohl, die täglich ein Millionenpublikum bei ihrer Sendung „Börse vor acht“ habe, gebe es eine Premiere, sagte Miller-Weber bei der Vorstellung „Die wäre doch auch mal etwas“, habe sie gedacht, angerufen und gleich ein Zusage erhalten. Es war quasi ein Blind-Date. Denn noch nie habe sie die Journalistin zuvor live erlebt.

Die Angesprochene versprach den 550 gekommenen Mitgliedern der Bank eine schonungslose Bestandsaufnahme und eine realistische Sicht auf Weltwirtschaft. Und sie hielt Wort. Seit 2000 jage eine Krise die nächste, die Welt stehe knöcheltief in Schulden und 2008 sei es beinahe zum Kollaps gekommen. „Während früher nur ein Land von einer Krise betroffen war, ist es heute die ganze Welt.“ Als Reaktion darauf werde reguliert, aber nur die Verluste würden dabei sozialisiert. Als aktuelles Beispiel nannte sie Italien: 360 Mrd Euro würden in eine Bad Bank gepumpt, darunter sei aber nur wenig Privatkapital. Die Commerzbank beispielsweise vergebe keinen Kredit, ohne den Staat im Rücken. Es gebe kaum Investitionen und damit wenig Innovationen. Mit steigenden Aktienkursen steige auch das Vermögen der Aktionäre, denen die Ausschüttung von Dividenden wichtiger sei als Investiionen.

Die durch das Fracking beliebig verfügbare Energie habe die US-Wirtschaft gerettet. Dennoch fühlten sich Milionen US-Bürger gesellschaftlich zurückgestuft. Dies sei das Topthema im aktuellen US-Wahlkampf. Negativzinsen einzuführen das hätten selbst die sonst so (wage)mutigen Amerikaner auch nicht gewagt. Negativzinsen erhöhten den Druck auf die Banken, Entlassungen seien die erste Folge. Daß steigende Zinsen, wie sie die US-Notenbank FED jüngst einführte zu einer Erholung der Weltwirtschaft führe, hält Kohl für ein „Ammenmärchen“. Denn viele Schwellenländer haben sich in US-Dollar verschuldet, der stärkere Dollar erhöhe den Druck auch auf sie.

Es wird zunehmend kälter in Europa, prognostiziert die Börsenexpertin fröstelnd, mit Blick auf die zunehmende Zahl der Nationalstaaten: Die aktuelle Wahl in Österreich, diejenige in Frankreich 2017 bestätigten dies und in Spanien würden nach der Wahl im vergangenen Dezember Versuche einer Regierungsbildung auf Neuwahlen hinauslaufen. Und aus Großbritannien drohe der Brexit. Und bei alledem gehe es um nichts anderes als ums Überleben des Euro. „Die EU werde sich reformieren müssen.“ Und in der Flüchtlingskrise existiere Europa ja gar nicht. Das mache Angst.

Keine Lösungen ohne Schmerzen, so sieht Kohl die Möglichkeiten der vielen desolaten Volkswirtschaften. Negativzinsen, Schuldenschnitte und Inflation sind die Möglichkeiten für eine weltweite Schuldenbereinigung durch die Notenbanken. Das derzeitige Geschehen vergleicht die Journalistin mit dem in den dreissiger Jahren, nur laufe dies alles jetzt in extremer Zeitlupe ab. Am schmerzhaftesten sei eine Währungsreform, wie sie Deutschland in den letzten 150 Jahren bereits achtmal erlebte.

„Wer kontrolliert die EZB?“ stellte Anja Kohl in den Raum und erntete für ihre provokante Antwort:„Sie selbst von innen heraus „wie Olympisches Komitee und Fifa“ einige Lacher im Saal.

Frankreich und China müssten sich dringend reformieren und die Digitalisierung, die alles auf den Kopf stellen werde, müsse schnell vonstatten gehen. Der Kunde werde wieder wichtiger, um Geld zu verdienen. Der Mittelstand muss aufwachen. Es braucht den Staat, denn bei allen bahnbrechenden Entwicklungen war der Staat beteiligt.“

Dass das Silicon Valley von Bastlern gegründet wurde, sei eine Legende: Der Staat habe es von vorneherein als Technologiezentrum geplant. Im ersten IPhone steckte beispielsweise keine einzige Innovation ohne staatliches Programm, plauderte die Börsenexpertin ein wenig aus dem Nähkästchen, die für ihren Vortrag, den sie zur Halbzeit für eine kleine Lockerungsübung mit dem Publikum unterbrach, großen Applaus und liess es sich nicht nehmen, beim gemütlichen Teil des Abends fleissig mit den Mitgliedern zu diskutieren.

 

Text und Bilder von Uli Gresser
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