GottesbergBad Wurzach - Mitte des Jahres 1713 vollendete der 1712 nach Wurzach übersiedelte Tiroler Holzbildhauer Johann Ruez (1678-1760) mit dem ungewöhnlich imposanten Hochaltar der Wallfahrtskirche auf dem Gottesberg seine erste Auftragsarbeit für das Haus Waldburg-Zeil-Wurzach. Dass diese - freilich barocke - Darstellung dem verlorenen mutmaßlichen Mittelteil des Multscher-Altares entspricht, dürfte wohl kaum ein Zufall sein.


Eine Kreuzigungsgruppe um Jesus mit den beiden Schächern sowie den Begleitfiguren Nikodemus, der Gottesmutter Maria, Maria Magdalena, dem Lieblingsapostel Johannes und Josef von Arimathäa. Das dem Tode Jesu geweihte Werk war von Anfang an als Meditationsaltar konzipiert, der die Passion plastisch in Szene setzen sollte. Geradezu prophetisch nimmt Ruez mit der Skulptur Magdalenas, die unter dem Kreuz mit einem Tuch das Blut des Erlösers auffängt, rund ein halbes Jahrhundert vor der Übereignung der Heilig-Blut-Relique, das später Wesentliche des Wallfahrtsortes vorweg.

Auch wenn jüngst andere Artefakte das öffentliche Bewusstsein dominiert haben, so wäre am Patrozinium (Fest Kreuzerhöhung am 14. September) noch eine Gelegenheit, den für die Menschen in Wurzach wirklich bedeutenden Altar entsprechend zu würdigen.

Zur grafischen Neuinterpretation: Das im Schaufenster der Buchhandlung Zengerle derzeit ausgestellte Bild (Pigment-Print auf Leinwand) basiert auf einer über dreissig Jahre alten Idee. Doch erst durch die heutigen digitalen Möglichkeiten konnte die passende Kombination samt einer notwendigen perspektivischen Entzerrung ohne störenden Stilbruch realisiert werden. Sogar auf dem Gottesberg selbst gab es immer wieder Überlegungen, den Hintergrund der Kreuzigungsszene umzugestalten; vielleicht mit einer Wirkung, wie sie dem heute völlig zu Unrecht vergessenen oberschwäbischen Kirchenmaler Gebhard Fugel (1863-1939) in seinem berühmten Altöttinger Panorama (1903) gelungen war. Zu allen Zeiten haben Kunstschaffende die jeweils neuesten Techniken genutzt - entscheidend bleibt letztlich allein der Inhalt. Hier speziell sollte aus der Frohbotschaft keinesfalls eine bemüht modernistische Drohbotschaft werden. Der dramatische Himmel soll das Hinabsteigen des Heilands in das Reich des Todes symbolisieren, gleichzeitig aber erstrahlt über dem Horizont das Licht der Hoffnung. Das Geschehen auf Golgotha gerät eben nicht zur göttlichen Tragödie, sondern wird zum Sieg über das Dunkel der Sünde.

Bilder und Text Bernhard Kling



bwgbkcn
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