06moordorfReute - Archäologe Mainberger referiert beim Arbeitskreis „Heimatpflege“ vor 150 Besuchern. Am Dienstagabend mussten im Katholischen Gemeindehaus in Reute sämtliche verfügbare Stühle nachgeordert werden. Bild: Beim Thema Heimatpflege der Solidarischen Gemeinde freuen sich auch die in den achtziger Jahren Verantwortlichen über neueste Erkenntnisse: v.li. Franz Zembrot, Vorsitzender Arbeitskreis Heimatpflege; Professor Rudolf Forcher, Altbürgermeister; Franz Bendel und Anne Rose Zembrot, ehemalige Ortsvorsteher, Dr. Martin Mainberger, Archäologe




Mit so einem Besucherandrang beim Vortrag über das steinzeitliche Moordorf in Reute hat selbst Franz Zembrot vom Arbeitskreis Heimatpflege der Solidarischen Gemeinde nicht gerechnet. Doch das spannende Referat von Archäologe Martin Mainberger „Nachbarn im Osten - das Moordorf von Reute nach den Neuentdeckungen im Westallgäu“ erzielte große Resonanz auch weit über die Ortschaft Reute-Gaisbeuren hinaus.


Repräsentanten aus Politik, der Kommune, aus Schulen und dem Kloster waren gespannt auf die neuesten Erkenntnisse. Konstantin Eisele als Vorsitzender der Solidarischen Gemeinde freute sich besonders, dass auch Michael Wild als neuer Stadtarchivar unter den Besuchern weilte. Mit Reute verbunden zeigte sich ebenfalls der ehemalige Minister für den ländlichen Raum Rudi Köberle. Martin Mainberger führte verantwortlich im Alter von 22 Jahren drei Sommer lang - von 1982 bis 1985 - im Auftrag des Landesdenkmalamts Grabungen im Schorrenried durch. Als Viehweide genutzt, liegt diese Fläche etwa 500 Meter nördlich vom Kloster Reute. Zwar wurden bei Kanalarbeiten im Jahre 1934 schon prähistorische Siedlungsreste entdeckt. Doch lange Zeit blieb diese Fundstelle nur den örtlichen Lehrern bekannt.


Die Arbeit des jungen Archäologen war von Erfolg gekrönt. In außergewöhnlicher Fülle und besonderem Erhaltungszustand zeigten sich hier sensationelle Funde aus der Zeit etwa 3700 Jahre vor Christus. So wurden auf einer 200 Quadratmeter großen Fläche mehrere Häuser, teils ebenerdige Moorbauten, teils Pfahlbauten entdeckt.


Von herausragender Bedeutung waren die Funde eines Dolches aus Arsenkupfer sowie eine hölzerne Jochstangenschleife. Dieses Transportmittel lieferte den frühen Nachweis von Hauspferden für Menschen, die in einer Ansiedlung im Wald wohnten. Bei den Grabungen konnte jedes Haus jahrgenau datiert werden. Lange Zeit galt das „Moordorf von Reute“ als einziges jungsteinzeitliches Dorf links der Schussen. Besondere Beachtung erzielte auch die Aussage, dass die damalige Durchschnittstemperatur gegenüber heute um 1,5 Grad höher lag.


Im Jahre 1998 erweiterte Mainberger seine Magisterarbeit zur Dissertation, die in seinem Buch „Steinzeit in Oberschwaben - Das Moordorf von Reute“ veröffentlicht wurde. Trotz vieler Ausstellungen im In- und Ausland wurde der im Jahre 2009 gestellte Antrag des Bad Waldseer Gemeinderats, das Moordorf in die Liste UNESCO-Weltkulturerbe aufzunehmen, vom Landesdenkmalamt negativ beschieden.


Neue Dimensionen über das Leben unserer Vorfahren erbrachten spektakuläre Neuentdeckungen im Rahmen eines internationalen Forschungsprojektes „Jenseits der Pfahlbauten“ im östlichen Nachbargebiet. Die Fundorte ziehen sich von Degersee, Schleinsee über Neukirch, Bodnegg, Kißlegg bis nach Leutkirch. Mainberger wörtlich: „Reute steht somit nicht etwa am Rand der Welt, im Gegenteil. Wir haben Erkenntnisse, dass Reute ein Kreuzungspunkt des Verkehrswegenetzes zwischen Donau und Bodensee sowie auch dem Rhein darstellt. Kulturelle Kontakte gab es somit nach Norden und Süden. Es könne kaum einen Zweifel geben, dass bereits Ötzis Ahnen Alpenpässe überwanden.


Als ‚Dach der Welt‘ trennt die europäische Wasserscheide den Zufluss zur Nordsee und dem Schwarzen Meer“. „Archäologen irren sich doch des Öfteren“, diese Aussage kennt auch Mainberger. Doch mit dem Satz: „Wir haben uns nicht geirrt, sondern mit viel Herzblut einfach dazu gelernt“, erzielte er den Beifall der etwa 150 aufmerksamen Teilnehmer. Martin Mainberger dankte am Schluss seines neunzigminütigen Referats den vielen netten Menschen aus Reute. So habe es richtig Spaß gemacht, damals mit Bürgermeister Rudolf Forcher, den Ortsvorstehern Anne Rose Zembrot und Franz Bendel zusammen arbeiten zu dürfen. Auch die Mitarbeiter des örtlichen Bauhofs bekamen ein Lob des Archäologen. „Bei so viel Sympathie und Interesse hat sich für mich heute der weite Weg von Freiburg nach Reute wahrhaft gelohnt“.


Franz Zembrot als unermüdlicher Kämpfer in Sachen Heimatpflege nutzte die Gunst der Stunde. Er appellierte vor allem an die Kommune (Bürgermeister Weinschenk war leider verhindert) und den Landkreis, sie mögen doch das Moordorf wieder neu ins Bewusstsein bringen. Auch die Bad Waldseer Schulen sollten im Heimatunterricht einen Vororttermin in Reute mit einplanen. Dazu müssten in Reute auch Hausaufgaben in eigener Sache (Ausstellungsraum, Infotafeln in Nähe der Grabungen) getätigt werden. Auch eine Wiedervernässung der Ausgrabungsstelle sei geboten, damit die Bodenschätze nicht verloren gehen.



Bericht und Bilder Rudi Heilig

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